Generation: "Wo geht's hier lang?"

14.08.2017

Die Generation der aktuellen Mittzwanziger hat's nicht leicht. Sie denkt, dass sie alles schaffen kann – und kommt dabei häufig gar nicht vorwärts. Vier Ansätze und Strategien, um mit den Herausforderungen dieses Lebensabschnitts umzugehen. 

Irgendwie – so scheint es – stehen den jungen Erwachsenen heute alle Türen offen. Und trotzdem sind viele in den Zwanzigern heute unzufrieden, unsicher und wollen durch keine dieser offenen Türen spazieren. Dieses Dilemma begegnet mir in der Psychologischen Beratung sehr häufig. In der Einzelberatung geht es für viele meiner Klienten in dieser Situation letztlich darum, herauszufinden, was sie wirklich möchten. Denn häufig sind es die Erwartungen der anderen und die vermeintlich unendlichen Möglichkeiten, die dafür sorgen, dass junge Männer und Frauen Mitte 20 unsicher sind, wie sie sich ihr eigenes Leben vorstellen. Soweit zur psychologischen Sicht dieses Generationenkonflikts. Doch was sagt eigentlich die Forschung dazu? Ich habe mit Jugendforscher Mag. Philipp Ikrath vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung darüber gesprochen, warum sich junge Erwachsene aus Sicht der Wissenschaft heute vermehrt in einer Art Starre befinden.

Existenzielle Ängste sind vorherrschend

"Junge Menschen wollen heute immer mehr. Das liegt an unserer Multioptionsgesellschaft", sagt Ikrath, der seit über zehn Jahren in der Jugendforschung tätig ist. "Es besteht die vermeintliche Annahme, dass heute alles möglich ist. Das ist es aber nicht. Das Märchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, entspricht nicht der Realität. Diese Möglichkeiten stehen nur den Privilegierten zur Verfügung. Denjenigen, die auf ein Elternhaus mit gutem kulturellen Kapital zurückblicken können. Kinder armer Menschen haben diese Möglichkeiten nicht."

Junge Erwachsene, die aus wenig privilegierten Elternhäusern kommen, durchleben also auch in unserer gefühlten Wohlstandszeit existenzielle Ängste: "Sie haben zum Beispiel Angst, dass Computer und Maschinen ihre ohnehin schon spärlichen Arbeitsplätze ersetzen", weiß der Jugendforscher. Und diese Existenzsorgen sind nicht wirklich unbegründet: "Seit den 80er-Jahren steigen Reallöhne nicht mehr. Die Herausforderung der jungen Erwachsenen besteht also mittlerweile darin, den Lebensstandard, den sie von ihren Eltern kannten, überhaupt zu erhalten und nicht mehr darin, ihn zu verbessern."

All das, wofür man sich entscheidet, wird in Frage gestellt

Doch auch so manche Mittzwanziger, denen die besten Erfolgsaussichten fürs Leben im Elternhaus mitgegeben wurden, befinden sich in einer Art Schockstarre, kommen kaum vom Fleck und wechseln zum siebten Mal das Studienfach. Warum? "Man unterstützt heute Kinder bei allem, was sie tun wollen. Dabei kommt es zu einer gewissen Orientierungslosigkeit – es gibt heute keinen Kompass mehr, mit dem man Möglichkeiten ausloten kann. Früher war ganz klar: Der Opa war Anwalt, der Papa war Anwalt und jetzt wirst du auch einer. Und die Frauen hatten sich damals die Frage gar nicht zu stellen, die mussten schlicht auf einen guten Ehemann warten."

Gott sei Dank haben sich diese Zeiten geändert. Nichtsdestotrotz hat auch das seinen Preis. Der Preis dieser Generation heißt Steigerungslogik: "Dieser Begriff meint, dass alles, wofür man sich entscheidet, in Frage gestellt wird: Hätte ich eine andere Wahl treffen sollen? Hätte es für mich besser laufen können? Online-Singlebörsen sind hier ein tolles Beispiel. Selbst wenn ich jemanden gefunden habe, gibt es Tausende anderer Singles und der Gedanke, ob da nicht noch etwas Besseres rauszuholen wäre, nagt an dieser Generation. Entscheidungen werden permanent evaluiert." Und darum werden selten irgendwelche getroffen.

Vier Ansätze und Strategien, um mit den Herausforderungen der Generation heutiger Mittzwanziger umzugehen

Erfassen Sie Grenzen – und nehmen Sie Ihre persönlichen Chancen wahr

"Die jungen Leute haben heute genug damit zu tun, ihre aktuelle Lage zu bewältigen. Für eine Revolution ist da keine Zeit. Für persönliche Veränderung allerdings sehr wohl." Will heißen: Auch wenn sich eine ganze Generation mit Entscheidungen schwer zu tun scheint, bedeutet das nicht, dass Sie Ihre persönliche Entscheidungen verschieben müssen. Sie können und ja – Sie dürfen (!) sich entscheiden. Psychologischen Beratung unterstützt Sie in diesem Prozess.

Setzen Sie Prioritäten

"Ein Großteil der jungen Erwachsenen löst sich zunehmend vom materiellen Denken. Das typische Ziel, irre viel Kohle zu verdienen, rückt immer mehr in den Hintergrund", so Ikrath. Und genau darin liegt neben all den Hürden auch die Chance jener Generation: Wer Sinn und Zufriedenheit in nicht materiellen Dingen findet, ist weniger abhängig von äußeren Umständen – und damit freier.

Erkennen Sie sich selbst

"Es gibt zwei Mentalitätstypen unter den Jungen: Die, die nach Selbstverwirklichung streben, bei denen Materielles keine Rolle spielt und die, die pragmatisch ihre Ansprüche, um zufrieden zu sein, runter schrauben." Beide Mentalitäten haben ihre volle Berechtigung. Jedoch gilt es, im Bewusstsein zu behalten, dass aus einem derartigen Pragmatismus leicht Resignation und damit letztlich doch wieder Unzufriedenheit entstehen kann. Es gilt auszuloten, wie der eigene, passende Weg aussieht, mit dem SIE sich wohl fühlen.

Hinterfrage Sie nicht jede einzelne Ihrer Entscheidungen

Wem viele Türen offen stehen, darf sich irgendwann für eine entscheiden – und gerade in jungen Jahren spricht nichts dagegen, hinter die ein oder andere Tür zu blicken, bevor man sie endgültig durchschreitet. Auch auf die Gefahr hin, dass sich hinter einen anderen Türe vermeintlich noch tollere Aussichten verborgen hätten. Denn möglicherweise haben Sie genau die für Sie passende Türe gewählt? Und außerdem: Wer weiß, wie viele neue Türen Sie letztlich finden, wenn Sie sich für eine entschieden haben?

Was wollen Sie? Welche Türe möchten Sie durchschreiten? Stehen Ihnen zu viele offen und Sie haben Sorge, sich für eine unpassende zu entscheiden? Oder aber haben Sie das Gefühl, dass Sie gar keine Türe mehr wahrnehmen? Ich lade Sie herzlich ein, in der Psychologischen Beratung darüber zu sprechen, um letztlich wieder klarer zu sehen, welchen ganz persönlichen Weg Sie nehmen möchten!