FOMO  - "Passt noch jemand besser zu mir?"

Impuls Wissen Kolumne

Gibt's nicht noch was Besseres?

Unlängstlag Camilla Sonntagabend neben Dominik auf der Couch. Als die beiden vor zwei Jahren frisch zusammen waren, lagen sie sonntags stundenlang auf- und in- statt nebeneinander. Jetzt lief Tatort. Dominik spielte auf seinem Smartphone und war müde vom Fortgehen am Samstag. Camilla war enttäuscht, dass er wieder keine körperlichen Annäherung suchte. Neuerlich hatte sie sich von der anfänglichen Leidenschaft blenden lassen, dachte sie frustriert. So war das auch mit Lukas gewesen. Und davor mit Noah. Und davor mit Thomas. Sehnsüchtig dachte sie an "den Richtigen", mit dem das erotische Feuer ihrer Ansicht nach unverändert weiter brennen würde. "Da muss es noch was Besseres geben", war sie sich in Gedanken gewiss, als sie die App neu installierte und zu swipen begann 

Dating-Apps wird gelegentlich vorgeworfen, sie würden die Beziehungsfähigkeit der Menschen beeinträchtigen. Ich persönlich glaube aber, die Idee, dass draußen noch besser passende Partner:innen warten, ist nicht neu. Sicher: Dank Apps und Co scheint das vermeintlich "Bessere" nur einen bequemen Klick entfernt. Anderen Menschen konnte man allerdings auch schon vor digitalen Zeiten in der Arbeit, auf dem Zeltfest oder im Urlaub begegnen. Und sich dabei trefflich vorstellen, dass die aktuellen Beziehungsherausforderungen mit der oder dem besser laufen würden. Dabei wird in jeder Beziehung irgendwann der Punkt kommen, an dem man Angewohnheiten des anderen nervig findet. An dem man Unterschiedlichkeiten entdeckt, die man plötzlich nicht mehr als bereichernd, sondern als trennend erlebt. Und an dem Unzufriedenheit mit bestimmten Situationen aufkommt. Der Gefühlsrausch der anfänglichen Verliebtheit – ein Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern, bei dem Dopamin eine große Rolle spielt – lässt irgendwann nach. Die rosarote Brille entfärbt sich. Wir sehen unser Gegenüber auf einmal klarer: Mit allen Unzulänglichkeiten und Schwächen.

Beziehungsende oder Beziehungspflege?

Für einige Menschen drängt sich an diesem Punkt die Frage auf: "Gibt's nicht noch was Besseres?" Eine Beziehung, die keine Kompromisse erfordert. Keinen Aufschub von Bedürfnissen. Keine wiederholten Gespräche über das gleiche Thema. Keine Reflexion der eigenen und gemeinsamen Wünsche sowie Verantwortlichkeiten. Keine Abstriche. Keine Konflikte. Für andere Menschen ist das der Moment, an dem beginnt, was man Beziehungspflege nennen kann: Was brauche ich, um einen liebevollen oder akzeptierenden Blick auf die Schwächen meiner Partnerin bzw. meines Partners zu behalten? Welche Vereinbarungen müssen wir treffen, damit wir beide in unserer Beziehung zufrieden sind? Wo kann ich damit leben, dass sich etwas verändert? Was müssen wir ausdiskutieren? Was können wir einander Gutes tun? Wohin möchten wir uns bewegen? Camilla ist ja an sich glücklich mit Dominik. Er ist ein wertschätzender, respektvoller, liebevoller und unterstützender Partner. Ihre Freund:innen mögen ihn, er hat ihr Umfeld gern. Aber das mit dem für Camilla so wichtigen Sex klappt einfach nicht mehr wie am Anfang. Sie hat schon zweimal erwähnt, dass sie gerne wieder mehr Leidenschaft bei ihm spüren würde. Aber passiert ist nichts. Was also tun 

In Beziehung bleiben

Anstatt sich in die nächste Beziehung zu stürzen, die möglicherweise wieder an einem ähnlichen Punkt scheitert, könnte Camilla versuchen, das Thema mit Dominik aufzulösen. Eigentlich bliebe sie ja gerne mit ihm zusammen. Sie könnte das Handy weglegen und den Tatort abschalten. Sie könnte Dominik fragen, ob es gerade für ihn passt, mit ihr über ein wichtiges Thema zu sprechen. Sie könnte ihn in ihre Gedanken mitnehmen. Und damit versuchen, in Beziehung bleiben. Anstatt aus ihr herauszutreten, wenn es schwierig wird. Wenn Dominik offen dafür ist, könnten sie darüber sprechen, wie sich beide Sexualität künftig vorstellen. Was sie dafür brauchen und was jede:r dazu beitragen kann, diese Form zu leben. Und wo vielleicht beide akzeptieren müssen, dass sich etwas verändert hat. Sie könnten sich darüber unterhalten, welche Chancen das wiederum für gemeinsame Entwicklung bedeutet. Sie könnten überlegen, was an die Stelle von anfänglich brodelnder Leidenschaft treten könnte. Und was daran schön, lustvoll sowie befriedigend sein kann. Sie könnten durch ein solches Gespräch Neues übereinander erfahren und so die Neugier aufeinander aufrecht halten 

Dann muss das Ende der Verliebtheit nicht automatisch das Ende der Beziehung bedeuten. Sondern es könnte den Anfang von etwas Neuem markieren: Von Vertrauen und Verständnis, von Liebe und Intimität, von Austausch und Entwicklung. Wir Menschen sind nicht perfekt. Daher können es auch Partner:innen und unsere Beziehungen nicht sein. Während es also einerseits in Partnerschaften auch zu akzeptieren gilt, dass nicht alles perfekt läuft, bleiben das Leben und die Liebe andererseits Entwicklung. Darum darf man sich auch miteinander fragen: Gibt's nicht noch was Besseres? Für uns beide? In unserer gemeinsamen Beziehung?

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.

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