Nehmen Sie sich in Acht vor guten Ratschlägen

Impuls Wissen Kolumne

Nehmen Sie sich in Acht vor guten Ratschlägen. Ja – auch vor diesem!

Unlängst stritten Lisa und Lukas wieder heftig. Am Ende bekam Lisa vor lauter Weinen kaum mehr Luft. Lukas schlug die Tür so fest zu, dass die Klinke abfiel. Zwei Tage später wussten beide nicht mehr, was für den Streit Anlass gegeben hat. Was sie jedoch wussten: "Wir brauchen Ratschläge, um besser zu kommunizieren!" Erwartungsvoll saßen die beiden drei Wochen später zum ersten Mal in der Paarberatung.

Die eine Lösung gibt es nicht

Rasch stellte sich heraus: Lisa kannte zahlreiche Beziehungsratgeber auswendig. Lukas hatte mehrere Kommunikationsseminare besucht. Die beiden wussten also in der Theorie, wie Kommunikation gelingt. Genau deshalb sollte nun ja auch ein ganz besonders kreativer und pfiffiger Ratschlag zur Lösung des Problems beitragen. Wenn ich mir entgegen meiner eigenen Devise an dieser Stelle nun einen Rat erlauben darf: Nehmen Sie sich in Acht vor pauschalen Ratschlägen! Ja, auch vor diesem. Warum? Wer mit Bauchschmerzen in die medizinische Praxis geht, möchte eine Lösung, die dagegen hilft. Dafür gilt es, die Ursache zu finden. Die Lösung kann einfach sein. Bei einer Lebensmittelintoleranz lautet sie etwa "Milchprodukte weglassen". Unkreativ, allgemein bekannt, wenig fancy. Aber wirksam. "Keine Milchprodukte" ist trotzdem kein pauschal guter Ratschlag bei Bauchschmerzen. Gegen eine Blinddarmentzündung hilft eine Ernährungsumstellung nämlich genau nix

Gewaltfreie Kommunikation

Aber was heißt das jetzt für Lisa und Lukas? Schauen wir uns das am Beispiel eines gut gemeinten Ratschlages an. Dieser könnte lauten: "Versucht es doch mal mit Gewaltfreier Kommunikation" (GfK). Ein wunderbares, effizientes Tool von Marshall B. Rosenberg. Probieren Sie es bei wiederkehrenden Streitpunkten ruhig einmal aus: Statt einer Bewertung (Bew) drücken Sie eine sachliche Beobachtung (Beo) aus. Statt einer Kritik (K) sprechen Sie Ihr eigenes Gefühl (G) an. Statt einer Interpretation (I) formulieren Sie ein Bedürfnis (B) und statt einer Forderung (F) eine konkrete sowie machbare Bitte (Bi). In einem eskalierenden Streit klingen wir Menschen nämlich leider oft so: "Wie schrecklich sieht die Küche wieder aus? (Bew) Du bist so schlampig! (K) Was ich will, ist dir doch ganz egal. (I) Räum endlich den Müll weg, sonst bin ich weg!" (F) Die GfK-Variante: "Der Mistkübel geht über. (Beo) Das ärgert mich. (G) Denn ich möchte in eine saubere, gut riechende Wohnung heimkommen. (B) Könntest du bitte darauf achten, den Müll auszuleeren, wenn der Deckel nicht mehr schließt?" (Bi) Klingt einfach und konstruktiv. Ist es in der Theorie auch.

Dynamiken erkennen, die Konstruktives behindern

Warum hilft Lisa und Lukas dieser Ratschlag – alleine – trotzdem nicht? Weil sich in der Praxis nach zwei Einheiten herausstellt, dass Lisa sich gar nicht erst erlaubt, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren, weil die in ihrer vorigen Beziehung keinen Platz hatten. Wie soll dann nach GfK ein Bedürfnis ausgedrückt werden? Und dass Lukas bei bestimmten Gefühlsäußerungen sofort Kritik wittert, weil er diese von seinem Vater ständig gehört hat. Wie soll er nach GfK Gefühle wertfrei zur Kenntnis nehmen? Beide erarbeiten im Rahmen der Paarberatung daher neue Kommunikationsregeln, die auf diese zugrundeliegenden Dynamiken abgestimmt sind. Lukas möchte außerdem eine Psychotherapie beginnen und dabei das Verhältnis zu seinem Vater aufarbeiten. Lisa will sich mit angeleiteten Achtsamkeitsübungen wieder mehr Zugang zu ihren Bedürfnissen erarbeiten und den Mut aufbringen, diese an Lukas zu adressieren.

Warum Modelle alleine manchmal nicht reichen

verliert, wenn sie der Bitte eines anderen nachkommt. Bei Jakob und Noah hapert's mit der GfK, weil Jakob aufgrund bestimmter Glaubenssätze derzeit kaum aus seinem Interpretationsmuster aussteigen kann. Und bei Felix und Karin scheitert's daran, dass sie beide tatsächlich noch keine konstruktiven Kommunikationsstrategien erlernt haben. Seien Sie also nicht enttäuscht, wenn Sie keine "guten Ratschläge" erhalten. Die finden Sie online zuhauf. In einer Beratung geht es viel eher darum, wie es Ihnen gelingt, diese auch wirklich umzusetzen. Und zwar indem Sie individuelle Dynamiken erkennen, damit neue, angenehme und von beiden gewünschte Dynamiken gestaltet, geübt und schließlich gelebt werden können. 

Damit schützen Sie, wenn Sie mögen, Ihre Beziehung. Und Ihre Türklinken.

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.