Der Mann will immer, die Frau aber auch

Impuls Wissen Kolumne

DER MANN WILL IMMER –
DIE FRAU ABER AUCH!

Unlängst genoss Laura beim Kuscheln die innigen Streicheleinheiten ihres Partners. In ihr keimte das zarte Pflänzchen sexueller Lust auf. Trotz der sich häufenden Zurückweisungen raunte sie Johannes lasziv ins Ohr: "Ich hab' Lust auf dich". Da nahm er ihr Gesicht sanft in beide Hände, blickte ihr tief in die Augen und flüsterte zärtlich: "Heute nicht, mein Schatz."

Auch wenn Studien Männern eine stärkere sexuelle Motivation als Frauen zuschreiben entsprechen Beziehungen nicht immer dem Klischee von Herrn Nimmersatt und Frau Duldsam. Es begünstigt aber eine Teufelsspirale aus Unsicherheit, Druck und Frust. Laura will ihn. Johannes sie jetzt aber nicht. Er ist zu fertig von der Arbeit. Laura wittert faule Ausreden und stellt lieber sich selbst, ihre Figur und ihren Sexappeal infrage. Das erzeugt Druck. Johannes spürt diesen Druck, der damit auch auf ihm und seiner Leidenschaft liegt. Da riskiert er lieber mal nix. Eine Erektion lässt sich schwer vortäuschen. Was tun? Für Laura könnte es hilfreich sein, zu erfahren, dass es gar nicht so selten ist, dass Frauen mehr Lust auf ihren Mann haben als umgekehrt. Das könnte ihren Gedanken "Männer wollen immer, nur meiner will mich nicht" in einen entlastenden Kontext stellen. Sie könnte beginnen, ihren Partner in seiner beruflichen Überforderung wahrzunehmen, anstatt sie ihm als Ausrede zu unterstellen. Dadurch könnte sie sich zwar nicht unmittelbar von der ersten Enttäuschung oder dem Mangel an Befriedigung befreien. Aber zumindest von der schmerzhaften Interpretation, die ihrem Selbstwert so zusetzt.

Intimität abseits von Genitalkontakt

Statt sich zu fragen, was mit ihr falsch ist, könnte sie Johannes fragen, was ihn in der Arbeit so fertig macht. Dadurch könnte eine Form von Verbundenheit und Intimität entstehen, mit der sich Johannes wieder gesehen fühlt. Und wenn er sich erlaubt, sich mit seiner Müdigkeit zeigen zu dürfen, ohne befürchten zu müssen, Johannas Selbstwert dadurch anzukratzen? Dann könnte er womöglich eher erkennen, dass sexuelle Intimität nicht automatisch steinharte Erektionen und sportliche Performances braucht. Gleichzeitig darf Johannes sich bewusst sein, dass auch er sich aktiv seiner Beziehung und der Sexualität darin widmen darf. Er könnte realisieren, dass Lauras Bedürfnis nach mehr Sex Ausdruck ihres Begehrens ist und keineswegs ein anhaltender Vorwurf sein muss. Hier ist es an ihm, die Bedürfnisse seiner Partnerin wahrzunehmen, anstatt sie als Nörgelei abzutun. Wenn sich beide weniger mit ihrer Angst vor Ablehnung und Kritik beschäftigen, sondern sich frei von Interpretation einander zuwenden würden, entlädt sich die Spannung zwischen ihnen vielleicht bald nicht mehr im Streit. Sondern im Bett. Auf der Couch. Oder dem Küchentisch.

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.

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