Motive für Sexualität

Impuls Wissen Kolumne

Warum möchten Sie denn Sex?

Unlängst hatten Maria und Herbert einen ganz wunderbaren Abend. Gutes Essen beim Italiener, köstliche Cocktails bei noch köstlicheren Gesprächen und schließlich kam die Straßenbahn auch noch zum genau richtigen Zeitpunkt. Die beschwingte Leichtigkeit des Abends verschwand just in jenem Augenblick, als beiden im Vorhaus klar wurde, dass jetzt eigentlich der perfekte Moment wäre, die Ausgelassenheit des Abends mit ins Schlafzimmer zu nehmen, um nach vielen Monaten endlich wieder einmal Sex miteinander zu haben. Stattdessen gingen beide – die unangenehme Berührung über das jähe Ende der schönen Stimmung voreinander verbergend – stillschweigend zur Abendroutine über und schließlich ins Bett

So, so ähnlich oder ganz anders klingen die Erzählungen von Paaren, die in die Sexualberatung mit dem gemeinsam Ziel zu mir kommen, (wieder) mehr Sex miteinander zu haben. Je nach individueller Ausgangslage lautet eine meiner ersten und – zugegeben – auch eine meiner liebsten Fragen an beide dann: "Warum möchten Sie denn Sex miteinander haben?" Falls Sie nun innerlich eine Augenbraue ob der vermeintlichen Banalität dieser Frage erheben, dann teilen Sie sich womöglich eine Form des Erstaunens mit so manchen meiner Klienten über diese salopp klingende Frage. Doch gerade weil die Antwort darauf so sehr auf der Hand zu liegen scheint, mag ich die Frage so gerne. Denn wer sich intensiv damit auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass sie ganze neue Welten eröffnen kann

Verschiedene Ideen vom gleichen Begriff

Nicht alle von uns haben sich diese Frage bereits gestellt. Wohl auch, weil so viele von uns der Meinung sind, regelmäßiger, häufiger Sex – ja vielleicht sogar noch spektakulärer, orgiastischer und herausragender Sex – gehöre ganz selbstverständlich in Beziehungen dazu. Sich mit den eigenen Gründen für den Wunsch nach Sexualität auseinanderzusetzen, kann vor allem dann relevant werden, wenn zwischen Paaren herausfordernde Dynamiken entstehen, weil beide denken, sie meinen das Gleiche, wenn sie sagen: "Lass' uns Sex haben!" Selbstverständlich lasse ich Paaren in der Beratung ausreichend Zeit, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen. Wenn ich allerdings merke, dass Input konstruktiv sein könnte, biete ich verschiedene Möglichkeiten an:

Wünschen Sie sich mehr Sex, um …

  • Nähe, Intimität oder Geborgenheit zu spüren?
  • sich begehrt und gewollt zu fühlen?
  • körperliche Empfindungen, Stimulation, Erregung und Orgasmen zu erleben?
  • zu experimentieren und Ihre Neugier zu stillen?
  • miteinander körperlich zu kommunizieren?
  • Stress abzubauen oder sich zu entspannen?
  • Zuneigung und Liebe zu zeigen oder gezeigt zu bekommen?
  • sich Ihres eigenen Wertes sicher zu sein?
  • vom Alltag abschalten zu können?
  • den Partner davon abzuhalten, fremdzugehen?
  • Ihr eigenes sexuelles Potenzial zu entfalten?
  • neue Eindrücke zu bekommen?
  • Sinnlichkeit, Selbstvergessenheit und Erotik zu erleben?
  • Kinder zu zeugen?
  • Leidenschaft, Abenteuer und Aufregung zu erleben?
  • sich zu vergewissern, dass in Ihrer Beziehung alles in Ordnung ist?


Oder wollen Sie Sex aus ganz anderen Gründen?

Unterschiedliche Wünsche – unausgesprochen

Wenn man sich nur einen Teil der vielfältigen Motivationen ansieht, die hinter dem Wunsch nach mehr Sex stehen können, kann man womöglich bereits erahnen: Manchmal wollen zwei Menschen völlig unterschiedliche Dinge und denken dabei sie wünschen sich das Gleiche. Ein Umstand, bei dem Enttäuschungen nahezu vorprogrammiert sind. Die eine erhofft sich vielleicht einen intensiven, animalischen Quickie am Küchentisch, um Stress abzubauen, wenn sie sagt sie möchte Sex. Und zeigt sich enttäuscht über ihren Gatten, der – weil er unter Sex hauptsächlich eine Form von körperlicher Liebesbekundung versteht – ihr erstmal ein Rosenblütenduftbad nach dem anstrengenden Tag einlassen und ihr als Vorspiel zum Vorspiel die Füße massieren will. Der andere wünscht sich womöglich aufregende, experimentierfreudige Horizonterweiterung, wenn er sagt, er möchte Sex. Und zeigt sich enttäuscht über den Wunsch nach sexuell vorhersehbarer Routine seiner Lebensgefährtin, die unter Sex eine körperliche Erfahrung von Geborgenheit versteht. 


In vielen Fällen handelt es sich bei den Beweggründen, die hinter dem Wunsch nach (mehr) Sex stehen, um Mischformen verschiedener Motivationen. Diese zu erkennen, benennen und einander kommunizieren zu können, kann ein wertvoller Baustein auf dem Weg zu einer Sexualität sein, die es – wie es in der modernen Sexualforschung so schön heißt – wert ist, gewollt zu werden.


Also: Warum möchten Sie Sex haben?

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.

Fotocredit: © Unsplash