Wie offen sind denn offene Beziehungen?

Impuls Wissen Kolumne

Beispielfragen für das Öffnen einer Beziehung finden Sie weiter unten!

Wie offen sind denn offene Beziehungen?

Unlängst zogen Erik und Katarina nach drei Jahren Beziehung Bilanz: "Alles recht fein, aber sexuell könnte es spannender sein." Bald war sich das Paar einig: Wir öffnen die Beziehung! Man verständigte sich darauf, sich von den gemachten Erfahrungen bei passender Gelegenheit zu erzählen und außerhalb der gemeinsamen Intimität selbstverständlich nur Safer Sex zu praktizieren. Erik und Katarina stießen aufgeregt auf die neue Vereinbarung an und genossen es, sich gegenseitig derartige Erfahrungen zu gönnen.

Dabei sind sie nicht alleine. Offene Beziehungen scheinen nicht nur meiner Erfahrung in der Beratung nach im Trend zu liegen: In den USA soll bereits mehr als jeder Fünfte Erfahrungen mit konsensualer Nicht-Monogamie gemacht haben, und bei einer Umfrage aus Deutschland gaben rund neun Prozent der Befragten an, aktuell in einer einvernehmlich offenen Beziehung zu leben. Von einer solchen Beziehung spricht man, wenn beide Partner dezidiert damit einverstanden sind, dass es auch außerhalb der Partnerschaft sexuelle Kontakte gibt. Offene Beziehungen werden im Durchschnitt als genauso glücklich bzw. unglücklich erlebt wie monogame Beziehungen. Für Zufriedenheit auf beiden Seiten braucht es aus meiner Sicht bei offenen Beziehungen mindestens eine wichtige Voraussetzung: Dass beide sowohl über den Willen als auch über die Fähigkeit zu offener, konstruktiver Kommunikation verfügen. Die ist nämlich unerlässlich, um klare Regeln für eine Öffnung der Beziehung gemeinsam zu vereinbaren. Darum ist es meist auch keine gute Idee, eine Beziehungsöffnung als Lösungsmöglichkeit für ein Problem anzudenken, dessen Lösung bisher an der gemeinsamen Kommunikation scheitert. Ohne offene Kommunikation und damit ohne klare Rahmenbedingungen könnte es Paaren rasch ähnlich wie Erik und Katarina gehen.

Eine Regel – zwei Auslegungen

Die sitzen jetzt nämlich in ihrer zweiten Paarberatungseinheit. Beide fühlen sich voneinander schrecklich betrogen bzw. sehen sie sich völlig haltlosen gegenseitigen Vorwürfen ausgesetzt. Obwohl sich beide – aus ihrer Sicht – klar an die gemeinsamen Regeln gehalten haben. Was war passiert? Erik hatte Katarina von einem sexuellen Abenteuer mit einer seiner Kolleginnen erzählt. Katarina hatte beim Sex mit einer Frau, die sie über Tinder kennengelernt hatte, kein Lecktuch verwendet. Für Katarina war klar, dass es in der offenen Beziehung freilich keine sexuellen Kontakte mit nahestehenden Menschen geben konnte, also etwa aus dem Freundeskreis oder dem Büro. Paul sah das anders. Für Paul galt Safer Sex freilich nicht nur bei Geschlechts-, sondern auch jeder Form von Oralverkehr. Katarina sah das anders. Eine klare gemeinsame Vereinbarung gab es also nicht. Es gab nur eine Regel – und zwei sich widersprechende Auslegungen.

Konkrete Vereinbarungen treffen

Eine meiner ersten Fragen für Paare, die mit einem Thema im Zusammenhang mit offenen Beziehungen zu mir kommen, ist daher, welche Regeln zwischen den beiden konkret vereinbart sind. Überraschend häufig driften die Antworten dann zum Erstaunen beider auseinander. Wenn Paare mir erzählen, eine wichtige Regel sei "nur Safer Sex", ist es oft schon das erste irritierende Aha-Erlebnis für beide, wenn ich frage, ob das auch für Oralsex gilt. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich mit möglichst vielen Fragen zur Art und Weise der gelebten Beziehungsform auseinanderzusetzen. Nicht nur, um kränkenden Missverständnissen vorzubeugen, sondern auch, um einander in dieser Hinsicht besser kennenzulernen und um Themen wie Eifersucht oder Verlustängste offen zu begegnen.

Beispiele für womöglich relevante Fragen

Falls Sie mit dem Gedanken einer Beziehungsöffnung spielen oder bereits in einer konsensuellen nicht-monogamen Beziehung leben, können Sie ja einmal überlegen, was die folgenden Fragen in Ihnen auslösen. Und ob Sie sicher sind, dass Sie Ihre Ansicht jedenfalls auch im gleichen Maße innerhalb Ihrer Partnerschaft teilen: 

  • Sind sexuelle Kontakte mit anderen in der gemeinsamen Wohnung oder im gemeinsamen Bett o. k.?
  • Wie oft darf man neue Sexualkontakte treffen?
  • Ist es o. k., mit Sexualpartnern für ein Wochenende zu verreisen?
  • Wie viele verschiedene Partner gestehen Sie einander zu?
  • Gibt es Momente, Zeiten oder Phasen, in denen es tabu ist, Sex-Dates mit anderen zu vereinbaren?
  • Möchten Sie einander von Ihren Erlebnissen erzählen? Wenn ja, wie detailliert wollen Sie es wissen?
  • Kommen Ex-Partner oder Menschen aus dem Freundes-, Bekannten- sowie Kollegen-Kreis als Sexpartner infrage?
  • Gibt es sexuelle Praktiken, die Sie exklusiv zwischen Ihnen beiden belassen wollen?
  • Ist es in Ordnung, andere Sexualpartner in der Öffentlichkeit zu küssen – dürfen andere Ihr Beziehungsmodell kennen?
  • Gibt es Grundvoraussetzungen (z. B. regelmäßige gemeinsame Sexualität, kein heftiger Streit vor einem Date mit anderen, …) in Ihrer Beziehung, die erfüllt sein müssen, um die prinzipiell vereinbarte Offenheit auszuleben?
  • Wie werden Sie beide damit umgehen, wenn Eifersucht oder Angst ins Spiel kommen?
  • Wie werden Sie beide es handhaben, wenn Sie durch künftige Erfahrungen feststellen, dass in der Vergangenheit vereinbarte Regeln für eine oder beide Seiten nicht mehr passend sind?
  • Ist die Beziehung nur sexuell oder auch romantisch geöffnet?
  • Falls Zweiteres: Gibt es in Ihrem Modell primäre und sekundäre Beziehungen oder leben Sie ein nicht hierarchisches polyamores Modell?

Bestärkt durch Klarheit

Erik und Katarina haben übrigens noch zwei weitere Paarberatungseinheiten darauf verwendet, diese und für die beiden individuell bedeutsame zusätzliche Fragen miteinander zu klären. Beide waren im Zuge dessen immer wieder sehr erstaunt, wie sehr ihre Vorstellungen voneinander entfernt waren. Und sie fühlten sich in ihrer Entscheidung sowie in ihrer Beziehung dadurch gestärkt, dass es ihnen durch dezidiertes Ansprechen möglich war, einen gemeinsamen Nenner und damit für beide klare Regeln zu finden. 


Alle Eventualitäten kann man im Vorhinein – wie bei allem im Leben – selbstverständlich nie abklären. Aber je mehr Ansichten Sie voneinander kennen, desto eher wird es möglich sein, in einer unvorhergesehenen Situation die Ansicht des anderen einschätzen zu können. Oder zumindest zu erkennen, dass es Gesprächsbedarf gibt, bevor Sie weitere Schritte setzen.

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.

Fotocredit: © StockSnap auf Pixabay