Trennung mit Kindern: ja oder nein?

Impuls Wissen Kolumne

Wegen der Kinder
zusammenbleiben?

Unlängst ertappte sich Felicitas dabei, von einem Jahreswechsel ganz für sich alleine zu träumen. In der Therme. Ohne ihren Mann Gernot. Ohne Eiseskälte, Vorwürfe, Tränen und vernichtende Blicke. Seit vielen Jahren versuchten die beiden, die komplette Zerrüttung ihrer Partnerschaft vor Sohn Anton (18) sowie Tochter Sophie (16) zu verbergen. Für die Kinder gab man – so dachten die beiden – das solide Ehepaar. Das auch nach außen glänzend funktionierte. Zum Beweis und der Kinder zuliebe würde es daher auch heuer – wie jedes Jahr – wieder eine denkwürdige Silvesterfeier für Freunde, Nachbarn und deren Kinder geben.

Auch die passende Entscheidung hat ihren Preis

Manchmal kommen Paare wie Felicitas und Gernot zu mir, die sich nichts mehr zu sagen und im besten Fall resigniert haben. Im schlimmsten Fall strafen sie sich mit dauernder sicht-, hör- und spürbarer Verachtung. Auf meine Frage, was solche Paare denn überhaupt noch zusammenhalte, höre ich nicht selten: "Na die Kinder!" Diese Antwort kommt übrigens von Eltern mit Kleinkindern genauso wie von jenen, die mit ihren 20-jährigen Sprösslingen noch unter einem Dach leben. Ob es für die Kinder besser ist, zusammen zu bleiben oder sich zu trennen, darüber fälle ich selbstverständlich kein Urteil. Eins steht fest: Sowohl ein Zusammenbleiben, obwohl ein konstruktives Miteinander nicht mehr möglich ist, als auch eine Trennung hat Auswirkungen auf Kinder. Der Umstand, dass eben keine Entscheidung – auch nicht die individuell Richtige – frei von Folgen ist, kann die Überlegung für Paare bereits in ein neues, entlastendes Licht rücken.

Das Thema füllt Bibliotheken. Daher liegt es mir fern, hier einen vollständigen Überblick jener Auswirkungen und Folgen zu bieten. Aber ich werfe ein paar Aspekte in den kolumnistischen Raum, die bei der Frage interessant sein könnten: "Sollen wir nur wegen der Kinder zusammenbleiben?"

  • Trennung als Verlust: Die Trennung bleibt für Kinder ein massiver Einschnitt, der mit verschiedenen Auswirkungen einhergehen kann. Gefühle wie Ohnmacht, Wut, Scham und Angst können daraus entstehen. Selbst wenn durch die Trennung der Eltern Entspannung in die Lebenssituation des Kindes einkehrt.
  • Permanenter Streit führt zu Auffälligkeiten: Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sich intensive und anhaltende Konflikte zwischen den Eltern auswirken: Sie können Gefühle wie Angst, Trauer oder Ärger bei Kindern auslösen, zu Schuldgefühlen führen und subjektiv als Bedrohung erlebt werden. Durch permanent heftige Streitereien zwischen Mama und Papa können Kinder überdies ungünstige Denkmuster sowie unpassende Formen der Emotionsregulation entwickeln. Darunter versteht man, dass Kinder ihrem Alter entsprechend unangemessen auf Emotionen reagieren. Etwa indem Wut durch Schläge oder Zerstörung ausgedrückt wird, oder indem Gefühle wie Trauer und Angst unterdrückt bzw. gänzlich abgespalten oder kompensiert (z. B. durch übermäßiges Essen) werden.
  • Chance des konfliktfreieren Aufwachsens: Wenn es den Eltern gelingt, Eltern- und Paarebene zu trennen, können Sie ein wertschätzendes Miteinander aufrechterhalten und dadurch den Loyalitätskonflikt sowie die Verlustängste der Kinder geringer halten. So kann eine Trennung für Kinder auch eine Chance durch das Aufwachsen in einer weniger konfliktbehafteten Atmosphäre sein.
  • Traditionelle Kleinfamilie nicht zwingend für gesunde Entwicklung: Eine Studie aus dem Jahr 1980 belegt, dass die aus der Trennung entstehende Krise von Kindern gesund überwunden werden kann. Sie können sogar gestärkt aus dieser Erfahrung herausgehen. Möglich war das unter anderem jenen Kindern, die zu beiden Elternteilen weiterhin einen verlässlichen, liebevollen Kontakt pflegen durften.


Neben diesem Tropfen auf dem heißen "Welche-Auswirkungen-hat-eigentlich-ein-Zusammenbleiben-oder-eine-Trennung"-Stein halte ich eine Frage für besonders spannend: 

Was will man den eigenen Kindern vorleben?

Die Überlegung beginnt bei der Art und Weise, wie wir Konflikte austragen. Was wir zu Hause beobachten, kann schließlich unsere spätere Vorstellung davon prägen, wie sich Familie und Beziehung anfühlen soll. Gemäß dem Spruch: "Man kann Kinder noch so gut erziehen, sie machen einem doch alles nach", darf man überlegen, wie wertvoll Felicitas' und Gernots Versuch ist, brodelnde Konflikte unter den Teppich zu kehren. Nur um sie schließlich versteckt und mit passiver Aggressivität auszutragen. Was heißt es außerdem für Anton und Sophie, zu spüren, dass sich Papa und Mama seit Jahren nur "ihnen zuliebe" so miteinander quälen? Für sie ihr Glück opfern

Konflikt als Chance

Was Streit angeht, können wir als Eltern durchaus auch ein passables Vorbild im Hinblick auf die spätere Konfliktfähigkeit unserer Kinder abgeben. Etwa indem wir vorleben, dass es ok ist, unterschiedlicher Meinung zu sein. Dass es aber auch passieren kann, dass man darüber in Streit gerät. Und wie wichtig es dann ist, die eigenen Anteile an einer Auseinandersetzung zu erkennen und benennen zu können. Dass sowohl Versöhnung als auch Entwicklung gelingen kann, wenn man für diese Anteile Verantwortung übernehmen, beim Gegenüber um Verzeihung bitten und es in Zukunft konstruktiver lösen kann.

Trennung als gesunde Entscheidung

Gelingt eben jener konstruktive Umgang mit Streit einem Paar auf Dauer nicht mehr, darf sich die Frage anschließen: Was möchten wir dem Nachwuchs vermitteln? Möchten wir ihm zeigen, dass es sich lohnt, ja dass es sogar notwendig ist, in dysfunktionalen, schmerzhaften und vielleicht sogar krankmachenden Beziehungen zu verharren? Oder könnte es vielleicht ein für Kinder hilfreiches Vorbild sein, eine Trennung als gesunde Entscheidung zu erleben. Indem wir als Mama und Papa z. B. vermitteln: "Als Eltern bleiben wir verbunden. Doch als Paar haben wir einen Punkt erreicht, an dem es uns miteinander nicht mehr möglich ist, einen schönen Umgang zu finden. Wir möchten uns aber beiden die Chance geben, dass es für uns in Zukunft gut weitergehen darf."

Felicitas und Gernot haben nach dem letzten großen Streit, der beinahe zu Handgreiflichkeiten geführt hätte, so kurz vor Silvester die großen Feierlichkeiten konsequent abgesagt. Sie haben beschlossen, sich zu trennen, und es den Kindern gleich zu sagen. "Gott sei Dank", seufzt Anton. "Endlich", sagt Sophie: "Darf ich dann heuer mit meinen Freunden feiern? Auf die verzichte ich zu Silvester nämlich nur euch zuliebe!"

Diese Kolumne ist ursprünglich im Magazin Impuls Wissen erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung von EGGER & LERCH Corporate Media hier wiederveröffentlich. Bei der Beschreibung der Fälle handelt es sich um Überzeichnungen jener Paardynamiken, die besonders häufig Eingang in meine Praxis finden. Spezifische Beschreibungen sind so stark verfremdet, dass kein Rückschluss auf reale einzelne Personen oder Paare möglich ist.

Quelle: *Peggy J. Kleinplatz, A. Dana Ménard, Marie-Pierre Paquet, Nicolas Paradis, Meghan Campbell, Dino Zuccarino and Lisa Mehak, The components of optimal sexuality: A portrait of "great sex", The Canadian Journal of Human Sexuality, Vol. 18 (1-2) 2009: https://www.draveryclark.com/wp-content/uploads/2015/03/The-components-of-optimal-sexuality-A-portrait-of-"great-sex"-.pdf 

Fotocredit: © Ann Danilina auf Unsplash